Oliver Tzschoppe auf der Siegerstraße
Welcher Wettkampf in diesem Jahr wird dir am besten in Erinnerung bleiben?
Oliver: Neben dem zuletzt erreichten Erfolg beim München Marathon wird mir in diesem Jahr vor allem der UTFS (Ultra Trail Fränkische Schweiz) in besonderer Erinnerung bleiben. Die einzigartige Atmosphäre, die anspruchsvollen Trails machen diesen Wettkampf zu einem echten Highlight.
Eine ganz andere, aber ebenfalls besondere Erfahrung war die Staffel bei der Challenge Roth. Teil eines Teams zu sein, gemeinsam das Ziel zu erreichen und die besondere Stimmung dieses Events mitzuerleben, war etwas, das man nicht so schnell vergisst. Gerade diese Mischung aus individuellen Erfolgen und gemeinschaftlichen Erlebnissen macht für mich den Reiz des Sports aus.
Welchen Trainingsaufwand muss man für diese Serie an Erfolgen aufbringen?
Oliver: Einen strikt durchgetakteten Trainingsplan kann man mit zwei Kindern, zwei berufstätigen Eltern in Vollzeit und einer Familie, die insgesamt sehr sportlich aktiv ist, kaum immer eins zu eins umsetzen. Im Alltag kommt regelmäßig etwas dazwischen. Dann werden Laufeinheiten auf die späten Abendstunden verschoben oder der Tag beginnt deutlich früher als für den Rest der Familie, um die wichtigsten Trainingsreize trotzdem setzen zu können.
Das ist natürlich nicht immer optimal, und insbesondere die Regeneration kommt gelegentlich zu kurz. Dennoch summieren sich im Schnitt rund 100 Trainingskilometer pro Woche. In der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung können es auch einmal 150 Kilometer werden. Letztlich sind für solche Erfolge weniger perfekte Trainingsbedingungen entscheidend als Kontinuität, Disziplin und die Fähigkeit, das Training über viele Jahre hinweg in den Familien- und Berufsalltag zu integrieren.
Welche Schwerpunkte hast Du in der letzten Zeit gesetzt?
Oliver: Nachdem ich 2024 meinen ersten Ultra-Trail-Marathon erfolgreich gefinisht hatte, wurde mir bewusst, dass neben der reinen Ausdauerleistung auch die technische Komponente einen wesentlichen Beitrag zum Erfolg im Trailrunning leistet. Insbesondere auf anspruchsvollen Downhills sowie bei kräftezehrenden Uphills sah ich noch deutliches Verbesserungspotenzial. Aus diesem Grund habe ich im vergangenen Jahr einen klaren Schwerpunkt darauf gelegt, meine Lauftechnik, Trittsicherheit und Effizienz im Gelände gezielt weiterzuentwickeln.
Aber bestehen da an Deinem Wohnort Trainingsgelegenheiten?
Oliver: Nun ja, die Umgebung von Fürth ist nicht gerade dafür bekannt, schnell viele Höhenmeter zu sammeln. Ein Lauf im Stadtwald mit einigen technisch anspruchsvolleren Trails oder Wiederholungen am Solarberg mit seinen rund 60 Höhenmetern sind gute Trainingsalternativen. Sie helfen insbesondere dabei, Technik, Trittsicherheit und Kraftausdauer zu verbessern. Ein Training im klassischen alpinen Gelände mit langen Anstiegen, ausgedehnten Downhills und hochalpinen Trails können sie jedoch nicht vollständig ersetzen. Aber das lässt sich am besten mit einem Familienurlaub in den Bergen lösen.
Als Langstreckler ist ein zeitlich umfangreiches Training notwendig. Du bist aber Amateur. Wie lässt sich das mit Familie und Beruf vereinbaren?
Oliver: Man wird kreativ, um allen Interessen gerecht zu werden. So wird der wöchentliche Long Run schon einmal zu einer ausgedehnten Fahrradtour für meinen fünfjährigen Sohn, inklusive einiger spontaner Wettrennen. Der Mittagsschlaf meiner anderthalbjährigen Tochter wird gelegentlich in den Babyjogger verlegt, bevor eine Dehneinheit auf dem Spielplatz das Training beendet.
Auch in den Bergen lassen sich Familie und Training gut verbinden. Statt die Seilbahn zu nehmen, schnüre ich häufig die Laufschuhe und absolviere den Aufstieg laufend. Oben angekommen beginnt dann das Familienprogramm, nicht selten mit zusätzlichem Gewicht auf den Schultern.
Am wichtigsten ist aber, dass nicht alles dem Sport untergeordnet wird. Es geht darum, eine Balance zu finden, bei der Familie, Beruf und persönliche Ziele ihren Platz haben und jeder auf seine Kosten kommt.
Die Teilnehmerzahlen bei großen Marathonläufen nehmen stark zu. In München kamen 3202 Teilnehmer nach vier Stunden ins Ziel. Der Zuwachs an Hobbyläufern war enorm. Worin liegen hier die Ursachen?
Oliver: Ich denke, dass soziale Medien einen erheblichen Anteil daran haben. Für viele sportlich ambitionierte Hobbyathleten gehört ein Marathon inzwischen fast schon zum Pflichtprogramm. Das Abhaken eines Marathons auf der persönlichen Bucket List spielt dabei sicherlich eine Rolle.
Gleichzeitig ist ein Marathon aber eben keine Distanz, die man „einfach mal so“ läuft. Die große Zahl an Finishern jenseits der Vier-Stunden-Marke zeigt, dass heute viele Menschen den Schritt zum Marathon wagen, ohne dabei ausschließlich auf eine bestimmte Leistungszeit zu fokussieren. Vor einigen Jahren war ein Marathon häufiger noch etwas für Läuferinnen und Läufer, die sich über einen langen Zeitraum sehr gezielt darauf vorbereitet haben.
Wer ambitioniert trainiert, weiß, dass der Sprung vom Halbmarathon zum Marathon deutlich größer ist, als die reine Verdopplung der Distanz vermuten lässt. Umso bemerkenswerter finde ich, dass sich heute so viele Menschen dieser Herausforderung stellen.
Insgesamt tut diese Entwicklung dem Laufsport meiner Meinung nach gut. Die Einstiegshürde für einen Marathon ist heute niedriger als noch vor einigen Jahren, und viele, die über dieses Ziel zum Laufen kommen, bleiben dem Sport langfristig treu. Dadurch wächst der Laufsport in der Breite, gewinnt an Sichtbarkeit und erreicht neue Zielgruppen. Letztlich kann auch der Spitzensport nur dann nachhaltig erfolgreich sein, wenn er auf einer großen und aktiven Basis von Hobby- und Breitensportlern aufbaut.
